Um einander emotional zu verstehen, braucht es immer wieder Gespräche mit unserem Partner/unserer Partnerin, die in einer achtsamen, annehmenden und einfühlenden Haltung geschehen.

Konstruktive und tiefe Paargespräche sind geprägt von Akzeptanz, Interesse, Offenheit und der Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln.

Eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber dem anderen einnehmen

Mit Akzeptanz ist das wertschätzende Annehmen des Gesprächspartners gemeint. Das Erleben des Partners anerkennen und sich darauf einlassen. Den anderen ernst nehmen und seine Gefühle achten, auch wenn man nicht in allem zustimmt. Das ist wichtig: Zuhören heißt nicht, mit allem einverstanden sein. In jeder Paar-Kommunikation gibt es immer zwei Ansichten und Wahrnehmungen der Realität. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ (worüber Paare oft streiten).

Respektvolle Paare akzeptieren auch die Andersartigkeit des Partners

Viele Menschen erleben es als eine Bedrohung, wenn ihr Partner zu einem Thema, das einem wichtig ist, eine andere Meinung hat als sie selbst. Sie wollen diese unsicher machenden Unterschiede aus der Welt schaffen, indem sie den Anderen von ihrem eigenen Standpunkt zu überzeugen versuchen und nicht lockerlassen, bis er nachgibt.

Meinungsverschiedenheiten können zu einem heftigen Streit eskalieren, wenn beide Partner oder einer von ihnen das Gefühl hat, nicht gesehen oder gehört zu werden. Widersprüchliche Ansichten auf diese protestierende Weise aus der Welt schaffen zu wollen funktioniert jedoch nicht.  Besser ist es, sie anzuerkennen und eine Lösung zu finden, die beider Bedürfnisse Rechnung trägt.

Einander respektieren – die Grundlage dessen, was eine gute Beziehung ausmacht

Sich zu respektieren unterscheidet sich noch einmal von Wertschätzung. Es geht weniger darum, den anderen zu sehen und anzuerkennen, sondern darum, ihn so annehmen zu können, wie er ist – ohne ihn ändern zu wollen. Dazu gehört mehr, als wir auf den ersten Blick denken:

  • den anderen ernst zu nehmen, ohne ihn oder sie auf etwas festzulegen
  • seine eigene Meinung mitzuteilen, ohne den anderen belehren oder überreden zu wollen
  • den anderen zu ermutigen, ohne ihn oder sie zu bedrängen
  • sich dem anderen zu nähern, ohne aufdringlich zu sein
  • dem anderen etwas zu geben, ohne Erwartungen daran zu knüpfen
  • seine Gefühle zu äußern, ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen
  • dem anderen Raum für Eigenes zu lassen und trotzdem den Wunsch nach gemeinsamer Zeit zu äußern

Wer sich als Partner auf diese Weise respektiert, geliebt und verstanden fühlt – und zwar unabhängig davon, ob der andere die Sichtweise oder das jeweilige Verhalten teilt – kann sich öffnen und sich somit anvertrauen. Und wer sich öffnen kann, kann authentisch sein und muss sich nicht verstellen. Wenn ich ich selbst sein darf, fühle ich mich in der Beziehung um meiner selbst willen geliebt.

Wenn wir offen sind, erwarten wir nicht, dass der Partner/die Partnerin so denkt wie wir. Wir wollen den Partner nicht ändern, nicht in eine Richtung drängen oder auf unsere Spur bringen. Stattdessen akzeptieren wir ihn als ein selbstbestimmtes Wesen mit eigenen Gedanken und Gefühlen.

Interesse aneinander zeigen hält Paare zusammen

Interesse heißt neugierig sein auf den anderen und ihn wirklich verstehen wollen. Genau hinhören auf das, was der andere denkt, fühlt und erlebt und wie er das bewertet – und zwar ohne gleich die eigenen Maßstäbe anzulegen und mit den eigenen Werten zu vergleichen. Und auch nicht, sich vorschnell ein festes Bild vom anderen zu machen und frühzeitig den Gesprächsfluss zu stoppen nach dem Motto „Ich weiß ja, wie du tickst und was du sagen willst.“

Zuhören heißt Fragen stellen

Anteilnehmendes Zuhören bedeutet, nicht gleich zu antworten oder Lösungen parat zu haben. Oft erlebe ich in meiner Praxis, dass die Paare einander zuhören wollen und dann im Anschluss eines Redebeitrages gleich von sich erzählen.

Wichtig ist, immer wieder Fragen zu stellen. Dies ermöglicht einen intensiven Austausch und schafft Raum für emotionale Verbundenheit. „Was für ein schönes Erlebnis hattest du heute?“ „Was genau daran bewegt dich?“ Überhaupt ist die Frage „Was genau meinst du mit Stress/Verbindlichkeit/Ordnung…?“ eine gute Möglichkeit, Ihren Partner / Ihre Partnerin besser zu verstehen und in einen tieferen Austausch zu kommen. Denn es kann etwas ganz Anderes sein, als Sie unter dem Begriff verstehen.

Die Perspektive wechseln

Wie können wir gute Zuhörer werden? Indem wir uns in unser Gegenüber versetzen und versuchen, die Welt aus seiner Sicht wahrzunehmen. Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation und ein wirkliches Verstehen ist die Welt aus den Augen des anderen sehen zu können. Erst wenn ich mich in die Schuhe des anderen stelle und ein Stück seines Weges gehe und die Welt durch seine Brille betrachte, kann ich mich einfühlen in den anderen und seine Sicht der Dinge besser nachvollziehen.

Dieser offene Zustand kann man auch „Kinomodus“ nennen: Wenn wir im Kino entspannt und aufmerksam zugleich die Handlung eines Films mitverfolgen, fällt es uns leicht, uns für diese Zeit mit einer Figur zu identifizieren; wir leiden und freuen uns mit ihr. Wenn ein Sprecher merkt, dass wir uns in seinen Film einklinken, fühlt er sich ernst genommen, anerkannt und geliebt.

Oft will ein Partner nur das hören, was dem Bild vom anderen entspricht. Und glaubt damit, den Partner richtig zu verstehen. Doch das, was wir vom anderen hören, wird von uns durch unsere eigene Wahrnehmung und Interpretation gefiltert. Wenn wir uns von unserem Partner häufig bevormundet fühlen, dann hören wir aus seinen Sätzen das, was wir befürchten: dass er sich gegen uns durchsetzen möchte. Die ärgerliche Reaktion darauf („Immer musst du bestimmen.“) ist dann nicht eine Reaktion auf unseren Partner, sondern auf unser Bild von ihm.

Die Lösung liegt darin, das Bild von unserem Partner/unserer Partnerin beweglich zu halten und von den festen Zuschreibungen zu befreien. Jeder muss sich immer wieder klarmachen, dass der Partner/die Partnerin ein anderer Mensch mit anderen Erlebnissen und Erfahrungen ist als ich selbst. Und hilfreich ist, immer wieder nachzufragen: „Wie denkst du darüber?“ oder „Wie geht es dir damit?“

Achtsamkeit, Interesse, Zuhören und Perspektivwechsel bedeuten, den Autopiloten, mit dem wir normalerweise durchs Leben düsen, auszuschalten und die Bilder, die wir uns vom anderen machen, beweglich zu halten. Achtsamkeit ist die Kraft, die unsere Urteile übereinander, die Stagnation und Routinen immer wieder auflösen kann.

 

Max Frisch: Du sollst dir kein Bildnis machen

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich Dich gehalten habe.“ Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – ausgenommen, wenn wir lieben.“

 

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